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31. August 2018 / 20. Zilhiddsche 1439 - RECHENSCHAFT ABLEGEN (MUHASEBE)

Verehrte Muslime,


das Jahr 1439 nach unserem Hidschri-Kalender neigt sich dem Ende zu und in zehn Tagen beginnt das Neujahr 1440. Dies soll heute für uns Anlaß sein, über unseren Zustand nachzudenken, muhâsebe zu machen, das heißt uns selbst gegenüber Rechenschaft abzulegen.

Wie ihr alle wisst, gibt es nach islamischem Verständnis zwei Lebewesen, denen Allâh Teâlâ Rechtsfähigkeit zugesprochen hat, die Er zu Trägern von Rechten und Pflichten auserkoren hat. Als Konsequenz daraus hat ER ihnen Aufgaben gegeben, ihnen mitgeteilt was richtig und was falsch ist und ihnen die Dschennet versprochen, wenn sie den richtigen Weg einschlagen, andererseits aber kundgetan, sie in die Dschehennem zu schicken, wenn sie den falschen Weg wählen. Diese beiden Lebewesen sind  Menschen und Dschinn. Der Grund für ihre Tekellüf, also ihre Rechtsfähigkeit ist die Tatsache, dass ihnen Aql und Irâda Dschüz'iyye, das heißt Verstand und freie Willensentscheidung gegeben wurde. Lebewesen, die diese beiden Komponenten nicht bei sich vereinigen können, sind nach dem Verständnis der muslimischen Gelehrsamkeit nicht mükellef, das heißt nicht Träger von Rechten und Pflichten und sind nicht zur Rechenschaft bei Allâh verpflichtet.

Allein aufgrund von Verstand und freien Willensakt haben Menschen und Dschinn die Fähigkeit sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Mit dieser Fähigkeit Entscheidungen treffen zu können, ist ihnen gleichzeitig die sogenannte Istitâat, also die Kraft gegeben worden, das Richtige oder das Falsche auch ausführen zu können. Diese Kraft ist in beiden Fällen gleich stark, das heißt die Kraft das nach islamischem Verständnis Richtige zu tun, ist bei Mensch und Dschinn nicht stärker verankert als die Kraft das Falsche zu tun. Das bedeutet, der Mensch kann mit Aql und Irâde das Gute wählen, es in die Tat umsetzen und als Konsequenz davon in die Dschennet gelangen oder wenn er will, sich für das Schlechte entscheiden, dies in die Tat umsetzen und dafür die ewige Bestrafung, die Dschehennem bekommen. Was gut und was schlecht ist, hat Allâh in Seinem Kitâb, also den Offenbarungsschriften und über die auserwählten Gesandten mitgeteilt.

Diese Erkenntnis verlangt von jedem vernunftveranlagten und bewusst lebenden Menschen seinen Weg in dieser Welt, in die wir zur Prüfung gesandt sind, zu hinterfragen und von Zeit zu Zeit sich die Frage zu stellen “Bin ich noch auf dem richtigen Wege oder stecke ich schon fest im Sumpf des Alltags?” Diese intensive Reflexion nennen wir im Arabischen “Tefekkür”. Nach solchen Tefekkürs sollte der Mensch bei sich selbst eine Spureinstellung machen und wieder den Weg zu Îmân und Ameli Sâlih finden, also zu einer Lebensweise zurückkehren, die Allâh Teâlâs Wohlwollen fordert. All das zusammen bezeichnen die muslimischen Gelehrten als “Muhasebe”. Muhasebe bedeutet ungefähr Rechenschaft ablegen. Man kann von anderen zur Rechenschaft gezogen werden, man kann aber auch sich selbst zur Rechenschaft ziehen. So sprechen wir von einem klugen Menschen, wenn dieser es schafft, sich selbst und seine Taten zu hinterfragen und konsequent sein Leben danach zu organisieren, noch bevor er in der Kıyâmet  Rechenschaft ablegen muss. 

In diesem Zusammenhang heißt es in der Sûre el-Haschr in den Âyets 18 bis 20: "O die ihr den Îmân verinnerlicht habt, fürchtet Allâh! Und eine jede Seele soll danach schauen, was sie für morgen vorbereitet hat. Und handelt in Erfurcht gegenüber Allâh. Ohne Zweifel hat Allâh Kunde über das, was ihr tut. Und seid nicht wie diejenigen, die Allâh vergessen haben und die ER deswegen sich selbst vergessen ließ. Das sind die Frevler. Nicht gleich sind die Gefährten der Dschehennem und die Gefährten der Dschennet. Die Gefährten der Dschennet sind die Gewinner.”

Rasûlullâh (s.a.v.) spricht in einem Hadis-i Şerif: "Ein kluger Mensch ist jemand, der sich selbst (und seine Taten) hinterfragt und der für das Leben nach dem Tode arbeitet." (Sünen-i Tirmizî,cild 4, s.638)  Der zweite Kalîf, der Emîr der Muslime Hazret Ömer (r.a.) sprach einst: "Legt euch selbst Rechenschaft ab, noch bevor ihr zur Rechenschaft gezogen werdet. Wägt jetzt schon eure Taten und Handlungen ab, noch bevor sie (in der Kıyâmet) abgewogen werden." (İbn-i Kesir Tefsiri, cild 1, s.47)

Der große Gelehrte und Sûfimeister İmam Rabbani Ahmed el-Fâruki es-Serhendi (k.s.) behandelt dieses Thema in seinen “Mektubat-ı Şerife” unter der Überschrift "Muhasebe am Tage und in der Nacht" mit folgenden Worten: "Eine Gruppe unter den Großen der Muslime hat sich den Weg der muhasebe angeeignet und hat deswegen jeden Abend vor dem Schlafengehen ihre Taten, ihre Worte und ihre Handlungen an diesem Tag bis ins letzte Detail thematisiert und hinterfragt. Als Konsequenz dieser Hinterfragung haben sie ihre Fehler bereut, bei Allâh um Vergebung gebeten und mit Duâ und Ilticâ versucht diese wieder auszugleichen. Darüber hinaus haben sie Allâh mit Hamd und Schukr für jede gute Tat gedankt, die Allâhs Wohlwollen anziehen. Trotzdem haben sie ihre Hinwendung zu all jenen islamisch wertvollen Taten und Handlungen und die Kraft diese ausführen zu können auf Allâh Teâlâ zurückgeführt und den daraus entstandenen Erfolg wiederum an Allâhs Allmacht verwiesen.  Muhyiddin el-A'râbi (k.s.) sagte diesbezüglich: “Die Muhasebe, die Rechenschaft,  nehme ich sehr ernst und hinterfrage sogar meine Absichten, Vorsätze und Gedanken.” (Mektubat-ı İmam-ı Rabbani, C. 1, Mektup 309)

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